Thomas Rentmeister

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Ulrike Brinker: Rache ist süß - Thomas Rentmeister und seine "Kulturpaste"

über die Ausstellung „Thomas Rentmeister. Kulturpaste“, Galerie Otto Schweins, Köln, 03.11. – 23.12.2000; in: Frankfurter Rundschau, 17.11.2000, S. 22.

"Da kann man eigentlich nichts gegen haben" sagt der Künstler und blickt zufrieden auf die fettige braune Masse, die sich träge über fast den gesamten Boden des Ausstellungsraums ausbreitet. Mal bildet sie elegante Schlieren oder spitz zulaufende Türmchen, mal sieht sie einfach nur aus wie hingeklatscht und völlig aus der Form geraten. Eine Tonne Nutella und einen Tag echte Handarbeit hat der Kölner Bildhauer Thomas Rentmeister in seine Skulptur investiert. Verglichen mit seinen zeitaufwendigen Polyesterarbeiten, die in wochenlanger Feinarbeit nach Gipsmodellen gegossen werden, ist Nutella ein denkbar unkompliziertes Material und denkbar populär. Ein "Superwohlstandsprodukt", das weniger an Kunst als an Kindheit denken läßt. Am Eröffnungsabend schwirrten immer wieder die unvermeidlichen Nutella-Anekdoten durch die Kölner Galerie Otto Schweins , der ein oder andere Zeigefinger bohrte sich in die braune Masse, was der aber gar nichts ausmachte. Dem Künstler auch nicht, denn der hatte seinen Spaß daran, dass es diesmal nicht die Industrie ist, die sich mit den Künstlern schmückt, sondern umgekehrt: Der gute Name des Produkts wertet die Arbeit des Künstlers auf.

Rentmeister, Jahrgang 1964, ist allerdings niemand, der mit spektakulären Aktionen auf sich aufmerksam machen müsste. Seit 1989 wird er in Galerien, Museen und Kunstvereinen gezeigt und im vergangenen Jahr war er Förderkünstler auf der Art Cologne. Für den Sammler von junger Kunst gilt er als handwerklich perfekt und durch und durch seriös. Ein Image, das er allerdings nicht allzu sehr schätzt. Mit seiner Nutella-Skulptur übt er Rache am Kunstbetrieb, der die immer gleiche Perfektion und Schönheit und bloß nichts Banales erwartet. Und schön ist Nutella beim besten Willen nicht mehr, wenn sich nach ein paar Wochen Staub und Zimmerfliegen darauf niederlassen. "Kulturpaste", so der ironische Titel der Schau mit dem süßen Matschhaufen.

Um auch etwas weniger vergängliche Kulturproduktion bieten zu können, hat Rentmeister noch zwei andere Skulpturen in die Galerie gehängt. Auch sie kommen "ohne Titel" aus und könnten aus dem Toys'R'Us Versuchslabor stammen. Bonbonfarbene Polyesterobjekte, die man glaubt, irgendwo schon mal gesehen zu haben. Ein 1,20 mal 1,30 Meter großes zitronengelbes Wand-Objekt erinnert an ein explodiertes Cornflakes, die flaschengrüne Skulptur an eine aufgedunsene Wärmflasche. Aber nichts ist so, wie es auf den ersten Blick scheint, irgendetwas stört oder fehlt immer. Die minimalistischen Skulpturen sind wie lustige Fremdkörper von einem anderen Stern.

Thomas Rentmeister arbeitet haarscharf an der Grenze zum Figurativen, es geht ihm dabei ausschließlich um das Spiel mit der Form. Die ist meist einfach und etwas knubbelig, eben so dass man sie trotz ihres leicht technoiden Charakters gerne anfassen möchte. Auch die Farben sind in anziehenden Karamel-, Toffee oder Mandarin-Tönen gehalten. Die Oberflächen wurden so lange geschliffen und poliert, dass man sich in den Skulpturen spiegeln kann - nur den Künstler findet man in ihnen nicht mehr. Nichts deutet auf den ersten Blick darauf hin, dass diese seltsam perfekten Gebilde von einem Menschen und nicht von einer Maschine stammen. Dabei haben die Skulpturen immer ein Geheimnis: sie vermitteln den Eindruck, als hielten sie nur mit großer Mühe die Balance und könnten jederzeit ganz schnell ihre Form verändern, oder sich in Bewegung setzen.

Auch wenn Polyester und Nutella auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam haben, dann wecken doch beide Materialien die Illusion, dass plötzlich aus ihnen etwas Neues entstehen könnte. Eine neue Hügelkette in der Nutella-Landschaft zum Beispiel. Eine gutes Jahr lang, das ergaben übrigens Testreihen des Künstlers, bleiben Nutella-Skulpturen weitgehend geruchsneutral und in Form. Preis pro Tonne und Skulptur: 75 000 DM. Nein, dagegen kann man wirklich nichts haben.

© Ulrike Brinker

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