Thomas Rentmeister

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Renate Wiehager: „Rosa Luft“: Ready-made

Katalogbeitrag zur Ausstellung „Who is afraid of Yello and Fred?“, Bahnwärterhaus, Galerien der Stadt Esslingen, 02.02 – 23.03.1997; in: artist Kunstmagazin, Nr. 2, Mai–Juli 1997, S. 22–25; in: Thomas Rentmeister, (Kat.) Städtische Galerie Nordhorn, Nordhorn 1998, S. 8–11, engl. S. 42–45.

Das ist ja rosa Luft!" Die spontane Äußerung eines Kindes angesichts seiner im Sommer 1997 im Esslinger Bahnwärterhaus gezeigten Arbeiten hat Thomas Rentmeister offenbar so gut gefallen, daß er sie mir gegenüber gleich mehrfach wiederholt hat. Ich interpretiere den kindlichen Ausruf einmal so: daß die amorphen, haut- bis rosafarbenen Polyesterskulpturen Rentmeisters dem Kind als autonome, flüchtige Gebilde erschienen, zu welchen sich die Luft aus freien Stücken und bei individueller Farbwahl verdichtet hätte. Dann würde die naive Wahrnehmungsperspektive dem produktionsästhetischen Ansatz von Thomas Rentmeister entsprechen, der seine Polyesterskulpturen in einem Gespräch mit mir einmal als "Ready-mades" bezeichnet hat. Wobei er den historischen Begriff des Ready-made (Überführung eines Alltagsgegenstandes in den Kunstkontext durch Entfunktionalisierung, Titelgebung, Präsentation im Ausstellungszusammenhang etc.) für sich dahingehend neu interpretiert, daß er den Weg von der Grundlegung eines bildhaft-plastischen Körpers bis zum plastischen Endprodukt als Organisation von Selbstformungsprozessen ansieht, denen der Künstler lediglich beobachtend, kontrollierend nachgeht, er selbst ein Medium, das latent gegenwärtige plastische Impulse koordiniert und ihrer vorgewußten Gestalt zuführt. Salopp ausgedrückt sehe ich Thomas Rentmeister vielleicht in der Rolle eines Zauberers, der uns mit leeren Händen gegenübertritt, lässig in die Luft greift und dem staunenden Publikum ein matt glänzendes Straußenei oder eine schillernde Seifenblase präsentiert – was nicht nur Kindern gefällt.

Das ist, zugegeben, ein assoziativer, spielerischer Einstieg in einen Text über die Skulpturen, Bildobjekte und Ready-mades von Thomas Rentmeister, für mich ein erster Versuch des Herangehens an ein Werk, das sich in den vergangenen zehn Jahren in großen Zügen, in langsamen und überschaubaren Schritten entwickelt hat: von kleinen Objekten aus Alltagsdingen ähnlich den Objekten von Fischli/Weiss (1983/84) über Skulpturen mit "Ready-mades" wie Gießkanne, Tempotaschentücher, Spielzeugautos, gefüllte Kaffeetassen, Mehrfachsteckdosen und die Reihe der "Bauernskulpturen" und "Hausratskulpturen" Mitte der achtziger Jahre, dann die "Boxes" und die von einem Luftraum überwölbten "Schaumstoffskulpturen" (1988/89), bis zu den verformten Plastikfundstücken, den Lkw-Planen-Bildern, MDF-Boxen und schließlich den neueren Polyesterskulpturen. Aber das Bild des Zauberers, der atmosphärisch immer schon gegenwärtige – wenn auch für uns nicht wahrnehmbare – Dinge in die Sichtbarkeit befördert, sie unserem Augen- und Tastsinn darbietet, scheint mir doch den Kern der künstlerischen Arbeit von Rentmeister zu treffen; und zwar insofern, als er seine Skulpturen und Bildkörper überhaupt nur plastische Gestalt gewinnen läßt, wie sie für ihn 'vorhandenen', sowohl inneren wie äußeren energetischen Impulsen und 'Luftzirkulationen' das ihnen zukommende Volumen geben.

Allerdings darf der Begriff des Volumens hier nicht im Sinne eines klassischen bildhauerischen Volumens mißverstanden werden. Die Polyesterarbeiten von Thomas Rentmeister entstehen zwar wie konventionelle Skulpturen, insofern der Künstler die Form als Gipsmodell erarbeitet und dann abgießt. Seine Arbeitsweise aber – ein immer erneutes Distanznehmen zum plastischen Körper, langwieriges Umkreisen bei wechselnden Lichtsituationen, das Umrunden der plastischen Form im Raum und Überprüfen aller perspektivischer Blickwinkel – führt im Ergebnis zu einer unkonventionellen, den Künstler oft selbst überraschenden Form. Die Skulptur erscheint wie aus sich selbst heraus bewegt, als würde sie aus sich selbst heraus ihre Form finden. Geht man um die Skulpturen herum, so verändern sie permanent ihre Gestalt, man kann sie nicht im Raum fixieren. Diese Unüberschaubarkeit, die Unmöglichkeit, seine Skulpturen körperhaft vollständig wahrzunehmen, gilt modifiziert auch für eine große Arbeit wie die unbetitelte, quadratische 'Kiste' aus lackiertem Stahlblech mit innerem Ventilator: Die Arbeit ist monumental und immaterialisiert zugleich, insofern wir, vor einer der Seitenwände stehend, die Begrenzung der Skulptur auch als Grenze des Raumes erleben können, in dem wir uns selbst befinden.

Die richtige Position der Skulptur im Raum zu finden ist für Thomas Rentmeister daher bei jeder Ausstellung eine entscheidende, genau durchdachte Frage, und die Kompromißlosigkeit seines Anspruchs kann im Zweifelsfalle dazu führen, daß eine Skulptur selbst dann wieder als 'ungeeignet' zurückgezogen wird, wenn sie für einen bestimmten Raum konzipiert war. Das Diffizile der exakten Position im Raum hängt bei den Arbeiten Rentmeisters vor allem auch mit ihren taktil hoch sensiblen, spiegelnden Oberflächen zusammen, die zu einer Art Projektionsschirm oder Reproduktionsfläche für den gesamten umgebenden Raum mit seinen Lichtquellen und architektonischen Gegebenheiten werden. Diese spiegelnden Oberflächen sind es, die im Betrachter den Eindruck erwecken, daß die Grenze der Skulptur zum Raum nicht so klar ist, daß die Skulpturen keine wirkliche Festigkeit im Raum gewinnen.

Thomas Rentmeisters zentrales Anliegen scheint mir jene "Umwandlung sichtbar gemachter Allgegenwart", über welche Roland Barthes Mitte der fünfziger Jahre als signifikantes Beispiel der Mythen des Alltags in seinem "Plastik" übertitelten Text geschrieben hat: "Trotz seinen griechischen Schäfernamen (Polystyren, Phenoplast, Polyvinyl, Polyethylen) ist das Plastik, dessen Produkte man kürzlich in einer Ausstellung zusammengefaßt hat, wesentlich eine alchimistische Substanz. Am Eingang der Halle steht das Publikum lange Schlange, um zu sehen, wie sich die magische Operation par excellence, die Umwandlung der Materie vollzieht. Das Plastik ist weniger eine Substanz als vielmehr die Idee ihrer endlosen Umwandlung, es ist, wie sein gewöhnlicher Name anzeigt, die sichtbar gemachte Allgegenwart. Und gerade darin ist es ein wunderbarer Stoff: das Wunder ist allemal eine plötzliche Konvertierung der Natur. Das Plastik bleibt ganz von diesem Erstaunen durchdrungen: es ist weniger Gegenstand als Spur einer Bewegung." (Roland Barthes, "Plastique" (1957), dt. in: "Mythen des Alltags", Frankfurt/M. 1964)

Das vielleicht aufschlußreichste Dokument von Thomas Rentmeisters Transformation und Interpretation des Begriffs Ready-made und seiner Idee von plastischem Handeln als Organisation und Koordination von organischen, quasi naturhaften Selbstformungsprozessen ist ein unbetiteltes Video von 1989, das zugleich als Gelenkstelle fungiert zwischen den zuvor separat verfolgten Strängen: Erprobung plastischer Formprozesse mit traditionellen Mitteln einerseits, Einbeziehung von Ready-mades andererseits. Das dreiminütige Video zeigt in engem Kameraausschnitt zwei Champagnerflaschen, und erst das Hinzutreten einer Person, welche an der Rückseite der Flaschen offenbar einen Verschluß entfernt, macht den Dimensionssprung offenbar und die Tatsache, daß es sich hier um mannshohe, aufblasbare Kunststoffattrappen handelt. Der Betrachter wird im weiteren Verlauf Zeuge eines langsamen, magisch erscheinenden Aufweichungsprozesses, der die Flaschen in animalisch kauernde, spiegelnde Körper verwandelt.

Die Beschreibung dieser Videoarbeit führt mich noch einmal zurück zum Begriff des Volumens. Dieser ist, angewandt auf die Arbeiten von Thomas Rentmeister, nicht im klassischen Sinne von Raumverdrängung zu verstehen. Vielmehr funktionieren die Oberflächen seiner Skulpturen wie Membrane, wie die gespannt fragile Hülle einer Seifenblase, also wie eine durchlässige Begrenzung, an welcher sich ein Austausch immaterieller Stofflichkeiten und Energien, ein Austausch von Innenraum und Umraum organisiert. Hier läßt sich für mich auch die Brücke zu den Lkw-Planen-Bildern von Thomas Rentmeister schlagen: Sie weisen die Haltung konventioneller Bildbetrachtung und auch jegliche Anknüpfung an abstrakt-monochrome Tendenzen zurück, insofern sie als Präsentation ihrer reinen Materialität unsere Phantasie dahingehend lenken, zu fragen, was hinter der Oberfläche liegt. Die direkt von der Rolle genommenen, noch nicht geknickten Lkw-Planen werden um einen starken Keilrahmen gespannt, dadurch werden die Bilder zu 'Körpern', die man anknüpfend an den ursprünglichen materiellen Gebrauch gedanklich füllen kann.

Man könnte, um die Eigenart von Rentmeisters Skulpturen bildhaft zu charakterisieren, an Traglufthallen denken, die sich einzig durch den erzeugten Luftdruck innerhalb der Kunststoffumhüllung stabil halten, wobei diese Luftfüllung einen leichten Überdruck gegenüber dem umgebenden Raum erzeugen muß. "Rosa Luft" – Rentmeisters Sympathie für diese naive Assoziation entspricht einem faktischen und einem virtuellen Tatbestand seiner Skulpturen. Faktisch findet durch die Lüftungslöcher und -schlitze seiner "Boxes" ein Luftaustausch von innen nach außen und umgekehrt statt. Als virtuelle Energie nehmen wir angesichts seiner Polyesterskulpturen den Überdruck an Luft wahr, der die Form im Raum stabil hält und sie zugleich als potentiell sich verändernd, in Bewegung befindlich erscheinen läßt.

© Renate Wiehager

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