Thomas Rentmeister

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Michael Krajewski: Ein Kubikmeter Nutella als skulpturales Ereignis

Interview zur Ausstellung „Thomas Rentmeister. Kulturpaste“, Galerie Otto Schweins, Köln, 03.11. – 23.12.2000; in: Kunst-Bulletin, Dezember 2000, S. 12–15.

Geradezu ein Markenzeichen des in Köln lebenden Bildhauers Thomas Rentmeister sind futuristisch anmutende Kunststoffskulpturen mit synthetischen Oberflächen. Daß er neben diesem Hang zur sinnlich auftretetenden Plastik durchaus auch gegenüber ästhetischen Grenzverschiebungen aufgeschlossen ist, belegte etwa eine Doppelausstellung mit Helmut Brosch oder eine gemeinsamen Performance mit Ralf Berger. Dieses Gespräch entstand anläßlich der aktuellen Ausstellung 'Kulturpaste' in Köln, in der Rentmeister mit neuen vollkommen aus Schokoladencreme bestehenden Bodenskulpturen überrascht.

Michael Krajewski: Du bist mit glänzenden, monolithischen Kunststoff-Skulpturen bekannt geworden, die höchst artifiziell erscheinen. Jetzt arbeitest Du mit eßbarem Material.

Thomas Rentmeister: Im letzten Jahr zeigte ich in meiner Förderkoje auf der ART-Cologne unter anderem ein Kunststoffregal, welches wie ein Butterbrot komplett mit Nutella eingestrichen war. Mit diesem Objekt wollte ich der 'Foto-hinter-Plexiglas-Ästhetik', die das Bild der meisten Kunstmessen beherrscht, eine sinnliche Materialität entgegensetzen. Das funktionierte auch: die Arbeit fiel auf, es wurde genascht, und das Fernsehen war da. Allerdings hielten das viele Leute für einen Gag innerhalb meiner sonst eher seriösen Bildhauerarbeit. Seitdem wurde ich den Gedanken nicht mehr los, eine große Bodenskulptur aus Nutella zu machen. Im Rahmen einer Gruppenausstellung in der Kunsthalle Wilhelmshaven konnte ich diese Idee verwirklichen, da mir die Firma Ferrero einen Kubikmeter Nutella schenkte.

T.R.: Warum Nuß-Nougat-Creme? Ist es Dir wichtig, daß es sich um Eßbares handelt?

M.K.: Die Eßbarkeit ist nebensächlich. Naschen ist zwar kein Problem und der Frühstücksgeruch erhöht den Unterhaltungswert aber mich interessiert eher die visuelle Seite einer solchen Skulptur: die Präsentation einer Fülle und das Ausbreiten eines Materials, das jeder nur in kleinen Mengen im Glas oder auf dem Butterbrot kennt. Die Quantität erzeugt eine Fremdartigkeit, die beunruhigt. Dazu fallen mir amerikanische Maler der sechziger Jahre wie Sam Francis oder Clyfford Still ein. Sie haben Farbe auf überdimensionalen Leinwänden präsentiert. Die Menge, in dem Fall die Größe, bildete eine neue Qualität des Kunstwerkes.

M.K.: Zum Thema Menge: Könntest Du Dir vorstellen extrem kleine und extrem große Nutella-Skulpturen, vielleicht sogar raumfüllend, herzustellen?

T.R.: Zur Zeit habe ich in der Galerie Otto Schweins in Köln eine Ausstellung mit dem Titel 'Kulturpaste'. Dort zeige ich eine bodenfüllende Nutella-Skulptur. An größere Projekte wage ich gar nicht zu denken. Mit Nutella könnte man ganze Ausstellungshallen in gigantische Butterbrote verwandeln.

M.K.: Wählst Du Nutella, weil es sich um ein Markenprodukt handelt?

T.R.: Genau, es muß Nutella sein und nicht eine beliebige Nuß-Nougat-Creme. Ich hätte mir das Material zur Not im Supermarkt gekauft, wenn Ferrero mir nicht ausgeholfen hätte. Nutella ist eines der Produkte, bei dem der Markenname den Überbegriff (Nuß-Nougat-Creme) ersetzt, ähnlich wie z. B. bei Tesa-Film. Niemand würde Klebehaftstreifen sagen. Ganz bewußt arbeite ich nicht nur mit dem Material Nutella sondern auch mit seinem populären Namen. Das übliche Verhältnis zwischen Wirtschaft und Kunst ist doch, das sich Unternehmen durch Sponsoring, Stipendien und Kunstankäufe mit den Produkten und dem Image von Künstlern schmücken um ihr eigenes Image aufzuwerten. Mit Nutella drehe ich dieses Verhältnis um und benutze ein Kultprodukt der Industrie für meine künstlerischen Zwecke, ähnlich wie Andy Warhol das mit Campbell's Tomatensuppe gemacht hat. An Nutella interessiert mich jedoch nicht nur der Markenstatus, sondern als Bildhauer vor allem auch die sinnliche Qualität.

M.K.: Empfindest Du es nicht als extrem dekadent in einer Zeit, in der Menschen hungern, mit Lebensmitteln zu arbeiten?

T.R.: Man könnte radikaler fragen: darf man überhaupt Genußmittel zu sich nehmen, solange andere Menschen hungern? Ist es nicht dekadent, teure Autos zu fahren? Ich kenne tausend weitaus dekadentere Dinge als die Verwendung von Lebensmitteln in Kunstwerken.

M.K.: Was geschieht mit den Skulpturen, wenn sie längere Zeit irgendwo stehen? Werden sie verderben, unansehnlich - etwa wie die Schokoladen-Haufen von Dieter Roth?

T.R.: Fast schon ein Jahr lang liegt das erwähnte Nutella-Regal bei mir im Atelier. Es hat sich so gut wie gar nicht verändert, es riecht sogar noch lecker. Irgendwann wird die Paste wohl verderben, dann müßte sie durch frisches Nutella ersetzt werden.

M.K.: Was haben Deine Polyesterskulpturen und die Nutella-Arbeiten gemeinsam?

T.R.: Beide Werkgruppen thematisieren auf unterschiedliche Art die Schwerkraft. Etliche meiner Polyesterskulpturen täuschen durch ihre Form so etwas wie Gravitation vor. Das ist bei Nutella nicht nötig. Die Weichheit des Materials bestimmt die Form. Bei dem Probeaufbau meiner ersten Nutella-Bodenarbeit in Wilhelmshaven versuchte ich verzweifelt an Höhe zu gewinnen, doch das Material floß immer wieder auseinander. Da ich mich nicht damit abfinden wollte, habe ich ein wenig gemogelt und einen Kern aus härterer Schokoladenmasse verwendet. In Zukunft werde ich das Material jedoch einfach zerfließen lassen. Übrigens bin ich ein Fan von Bodenskulpturen. Alles, was im Skulpturbereich am Boden liegt, gefällt mir irgendwie. Vor allem die archaische Form des Haufens. Vielleicht liegt das daran, daß ich auf dem Land aufgewachsen bin: mit Misthaufen, Maulwurfshaufen und allen möglichen anderen Haufen. Ich würde sogar gern einmal eine Ausstellung mit lauter haufenartigen Skulpturen der letzten 40 Jahre zusammenstellen. Ganz stark beeinflußt haben mich Rainer Ruthenbeck's Papier- und Aschehaufen - das sind Superarbeiten.

© Michael Krajewski und Thomas Rentmeister

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