Thomas Rentmeister

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Kay von Kaitz: Kölnischer Kunstverein - Spiele aus fernen Galaxien

über die Ausstellung „Thomas Rentmeister. braun“, Kölnischer Kunstverein, Köln, 02.02. – 25.03.2001; in: Kölner Stadt-Anzeiger, 3./4. Februar 2001, S. 39.

"braun" - so lautet der sehr bescheidene Titel einer wunderbaren Ausstellung, die gestern Abend im Kölnischen Kunstverein eröffnet wurde. Polyesterskulpturen in amorphen Formen, so fein glänzend, dass sich die Umgebung darin spiegelt. Ein 2,15 Meter hoher, unzugänglicher Container aus lackiertem Stahlblech, dessen eingebauter Ventilator leise summt. Dazwischen ein wie Lava erstarrter Riesenklecks aus Nussnougatcrème, die ihren schokoladig-süßen Duft verströmt. An den Wänden hängen ein großes monochromes Bild - fabrikneue LKW-Plane mit einem hauchzarten Wabenornament, faltenfrei aufgezogen wie eine Leinwand - und, ikonengleich, eine großformatige Fotografie, die einen Leberfleck des Künstlers zeigt. Alles verschiedene Brauntöne, ganz so wie es der Ausstellungstitel verspricht. Die Farbe Braun ist hier der kleinste gemeinsame Nenner einer retrospektiv angelegten Auswahl von Arbeiten des 1964 geborenen Thomas Rentmeister. Doch die offensichtliche Banalität dieser Gemeinsamkeit entlarvt sich schon beim ersten Atmosphäreschnuppern in der Halle des Kunstvereins als pures Understatement. Das Missverhältnis vieler Kunstschauen zwischen ihrem aufschneiderischen Anspruch und der substanziellen Dürre des tatsächlich Vorgeführten wird bei dieser Präsentation aufs Angenehmste ins Gegenteil verkehrt.

Mit spielerischer Leichtigkeit entwickelt der in Köln lebende Künstler seine Version einer skulpturalen Dialektik. So simpel seine Strategien auch sein mögen, die Ergebnisse sind raffiniert und vor allem als geglückte Synthesen zu bestaunen: zugleich offen und hermetisch, vertraut und fremd, technoid und poetisch, heiter und melancholisch. Rentmeister ist eine Art Pop-Minimalist, der in perfekten, undurchdringlichen Oberflächen schwelgt. Doch bei ihm soll die Dominanz der Haut nicht etwa eine Welt- oder Lebenserkenntnis widerspiegeln. Es ist schlicht seine künstlerische Methode: Rentmeisters Flächenobjekte - wie die aus dem Boden oder aus der Wand wachsenden hochpolierten Polyesterplastiken, durch die er in den letzten Jahren zunehmend bekannt wurde - negieren ihre eigene Räumlichkeit zugunsten der jeweiligen Umgebung, in der sie sich befinden. Der Umraum wird kontrastiert, konterkariert, reflektiert, er wird Teil der Skultpur. Auf diese Weise findet eine visuelle Reduktion von eigentlich drei auf zwei Dimensionen statt, auf die pure Flächenausdehnung. Die Objekte selbst bleiben dabei fremd und verschlossen, als seien sie trojanische Pferde aus fernen Galaxien, fantasievolle Varianten des schwarzen Monoliten, den in Kubricks Science-Fiction-Epos "2001" eine fremde Intelligenz zu den Menschen geschickt hat.

Natürlich stellen sich in der Anhäufung von rentmeisterschen Braunheiten farbbezogene Assoziationen ein: Riesenfladen aus "Nutella", pardon, in diesem Fall aus "Nussenia" sind optisch nicht weit entfernt von entsprechenden Exkrement-Fladen. Auch die Braunwütigkeit der 70er Jahre oder das Kackbraun von Naziuniformen kann einem in den Sinn kommen. Aber all das tritt in der fremden und seltsamen Welt, die Thomas Rentmeister für uns eingerichtet hat, vollkommen in den Hintergrund. Die eigenständige Präsenz der Arbeiten ist dafür viel zu stark. Sie könnten geradezu als ideale Fetische gepriesen werden, begehrenswerter und wirkungsvoller als all das, was uns der Konsumkosmos offeriert: Was haben schon Ferrari, Rolex oder Cartier zu bieten im Vergleich zu einem wunderschönen und unergründlichen Rentmeister aus Polyester oder Nougatcrème? Recht unscheinbar am Rand steht als farblicher Ausreißer eine mit Milch gefüllte, übergroße, weiße Tasse - als wäre sie eine Fußnote, die darauf aufmerksam macht: Alles, was Sie hier sehen, ist so leicht, das schwimmt sogar in Milch.

© Kay von Kaitz

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