Thomas Rentmeister

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Jens Peter Koerver: Unter Oberflächen

über die Ausstellung „Thomas Rentmeister. braun“, Kölnischer Kunstverein, Köln, 02.02. – 25.03.2001; in: frame, Mai–Juni 2001, S. 123.

Wer die Augen schließt, wird den harmlos süßen Geruch von Nuss-Nougat Créme deutlicher riechen, der Duft allein ist freundliches Kindheitserinnerungsvehikel. Und wird gleichzeitig ein Brummen vernehmen, ein monotones Dröhnen, nur eine Nuance vom Unangenehmen entfernt. Wer die Augen öffnet, findet sich wieder in einem Arrangement von lediglich zehn Exponaten Thomas Rentmeisters aus den letzten sechzehn Jahre, einem heterogenen, retrospektiven Ensemble, dass Haupt- und Nebenwege des Gesamtwerks raffiniert zusammenführt, Aggregatzustände, Volumenbildungen und Oberflächen variiert: So begegnen sich ein minimalistischer Container, expressiv anmutende Schoko-Crème-Bodenskulpturen und organoide Kunststoffobjekte, ein monochromes Bildobjekt und die großformatige Fotografie eines Leberflecks. Dazu zwei Ready-Mades, bestehend aus Tassen, Milch und Kaffee. Sie alle sind - bis auf ein weißes Gegenstück - durch die Farbgemeinamkeit des titelgebenden Braun miteinander verbunden, der dominierenden Farbe im Werk des 1964 geborenen Bildhauers. Er entschied sich Anfang der neunziger Jahre für diesen Grundton, der als Kolorit des Schlichten, Erdigen und Einfältigen gilt, als nostalgische Laune akzeptiert wird. Rentmeister spielt mit dem Image dieser allgegenwärtigen Farbe, nutzt ihr irritatives Potential als Bruch- und Kontrastmittel.

Quelle des leisen Surrens ist ein Ventilator, der Luft aus dem Inneren eines braunen Metallkubus heraussaugt. Der detailgenaue Nachbau eines funktionalen Containers ist ein hermetisch verschlossener, uneinsehbarer Block, allein der von Innen nach Außen streichende Luftstrom verbindet die Bereiche, verweist auf das unzugänglichen Innere dieser an banale Gewerbegebiets-Gebrauchsarchitektur angelehnten Gebäudeskulptur. Und macht diesen aussperrenden Raum bedeutsam, geheimnisvoll, denn was könnte den Aufwand rechtfertigen, was wird dort aufbewahrt, verborgen, warum der Luftaustausch? Wer soll vor wem oder was geschützt werden?

Oder es ist bereits geschehen. Wie in einem gewaltigen kontrollierten Ausbruch sind neben dem Kontainer drei Kubikmeter Nuss-Nougat-Crème auf den ordentlichen grauen Estrich geschleudert, zudem sichtbar mit Händen und Füßen verteilt, zur duftenden Bodenskulptur geworden. Eine langgestreckte, in sich bewegte Masse aus unzähligen Wülsten, Strudeln, fadenfeinen Zungen und weichen Placken, eine große Insel mit Buchten, Hügeln und Tälern, einigen Nebeneilanden. Alles im appetitlichen Braun des von Food-Designern mit entwickelten Lebensmittels, verwandelt in eine riesige, fettig glänzende Oberflächenlandschaft von bizarrer Eleganz. Dem geschlossenen Volumen sind Schwere und Massivität ebenso anzusehen sind wie die Möglichkeit zur Veränderung, als könnte das erstarrte Hervorspritzen, Schieben und Kleckern, eine gefrorene Formenorgie in der sich der Blick schnell verliert, in Bewegung geraten.

Virtuelle Selbsttransformationen prägen auch die Polyesterskulpturen, die bekannteste Werkgruppe Rentmeisters. In ihren biomorphen Formen sind Traditionen der abstrakten Plastik, Designanklänge und Comic amalgamiert. Den in oft monatelanger Handarbeit an Form und Politur gefundenen, sanft gerundeten Körper eignet etwas Objektives, Perfektes, seltsam Schönes. Und doch hat sich noch etwas anderes in ihnen eingenistet, führt ein Eigenleben unter ihren hochglänzenden, von Umraumspiegelbildern überzogenen Dinghäuten, die die plastischen Körper einhüllen, verbergen. Der imaginierende Blick vorweg nimmt, was ihnen inplantiert ist: sie verwandeln sich, blähen sich auf, schwellen an, könnten bersten, sie gleiten vorwärts, fließen. Dass sie für den Augenblick stillhalten ist Zufall; was sie aber hinter unserem Rücken tun, ist ungewiß. Und wer die Augen schließt, hört zugleich das dumpfe Summen des Ventilators und riecht die Schoko-Créme, harmlos und süß.

© Jens Peter Koerver

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