Thomas Rentmeister

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Georg Elben: Thomas Rentmeister

Katalogbeitrag zur Ausstellung „mode of art“, Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, 23.07 – 10.10.1999; in: mode of art, (Kat.) Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf 1999, deutsch u. engl. S. 70.

Die spiegelnden Oberflächen der Objekte aus Polyester von Thomas Rentmeister sind dünnwandige Hohlkörper mit auffordernd-haptischer Ästhetik und lassen den Betrachter deshalb möglicherweise nicht sofort erkennen, daß es sich hier um klassische Bildhauerei handelt: Die Form wird über einem die ungefähren Dimensionen festlegenden Gerüst aus Gips aufgebaut und durch Hinzufügen und Wegnehmen immer wieder verändert, anschließend abgegossen, geschliffen und poliert. Die Form verändert sich beim Arbeiten, die Farben stehen jedoch fest; die Plastiken der vergangenen Jahre glänzen in zurückhaltenden Vanille-, Elfenbein- und schokoladigen Brauntönen. Das leuchtende Orange der für diese Ausstellung entstandenen neuen Arbeit bricht aus dieser Farbgruppe aus, sie erscheint erstmals deutlich markanter. Weil die Skulpturen ihre Umgebung spiegelnd in sich aufsaugen und überall in eine direkte Korrespondenz zu ihr treten, gibt es eine enge Bindung mit dem Raum auf zwei Ebenen: durch die Spiegelungen auf der Oberfläche und durch den Bodenkontakt der geschlossenen Volumen, die ohne trennenden Sockel wegen ihrer Materialität in der Wirkung stark von der Beschaffenheit des Fußbodens abhängen.

Das langgezogene orangefarbige Objekt erinnert in seiner Form, wenn man die Hochglanzoberfläche für einen Augenblick ausblendet, an eine Designstudie aus dem Automobilbau, aber es ist gerade kein Design. Die Form hat keinen Nutzzweck, es ist ein autonomes Kunstwerk. Die deutliche Richtung der kompakten Keilform steht in ihrer Geschlossenheit in deutlichem Kontrast zu dem grünen 'Frosch', der mit zwei Beinen und Körper an Comicfiguren erinnert und in Rentmeisters bisherigem Werk eine Extremposition einnimmt.

Die neue Skulptur ist in ihren Dimensionen auf die Augenhöhe eines erwachsenen Menschen hin berechnet. Von der niedrigeren Schmalseite aus gesehen werden Verkürzungen optisch ausgeglichen und Rundungen, die flach abfallen, wieder integriert. Die Rundumansichtigkeit ist wichtig: Die Spannung in den Linien ist nur beim Umschreiten der Plastik erlebbar, jeder Punkt der Farbhaut ist im Zusammenhang der Oberfläche begründet wie bei einer Seifenblase. Der Glanz der Oberfläche ist nicht nur schön, sondern geradezu notwendig, um ihre Lebendigkeit durch die Spiegelungen, die sich elegant ziehenden Lichtspuren sichtbar zu machen. Die Perfektion der Politur ohne jeden Duktus – ebenmäßiger als bei industrieller Fertigung! – wirkt wie eine Membran und vermittelt je nach Licht manchmal den Eindruck, als ob die Materie in zäher Bewegung in einen flüssigen Aggregatszustand überginge.

© Georg Elben

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